Germany

Ukrainischer Bürgermeister: “Das war ein großer Fehler der russischen Führung”



Aber die Menschen wollen nicht nach Russland?

Nein. Das war ein großer Fehler der russischen Führung: Sie dachte, weil die Einwohner von Mariupol Russisch sprechen, sind sie praktisch Russen und gehören eigentlich zu Russland. Aber niemand will nach Russland. Die Russen können das aber nicht akzeptieren, weil sie zu lange ihrer eigenen Propaganda geglaubt haben.

Wie viele Menschen konnten bisher gerettet werden?

Insgesamt 550 Menschen aus Mariupol und einigen umliegenden Dörfern. Über 150 davon kamen aus dem Asowstal-Stahlwerk. Aber es sind noch immer über 100 eingeschlossen, darunter Dutzende Kinder.

Haben Sie noch Kontakt zu den Verteidigern des Stahlwerks?

Donnerstagabend haben wir zuletzt gesprochen. Seit Freitagmorgen ist die Verbindung weg. Wenn evakuiert wird, herrscht Funkstille.

Was war das Letzte, was Sie von dort hörten?

Wie bedrückend die Lage ist. Die Russen schießen mit Panzern, großkalibriger Artillerie, Kampfjets und sogar mit Kriegsschiffen auf das Stahlwerk. Ein Angriff von allen Seiten. Es sieht nicht gut aus.

Haben Sie mit den Evakuierten aus Mariupol persönlich gesprochen?

Ja. Viele brauchen erst psychologische Hilfe, bevor sie wieder sprechen. Sie müssen verstehen: Das sind Menschen, die monatelang belagert wurden und kaum Wasser oder Nahrung hatten. Meinte Mutter hat eine Woche gebraucht, bis sie mir erzählten konnte, was passiert ist.

Ihre Mutter war in Mariupol eingeschlossen?

Sie suchte Unterschlupf im Drama-Theater, das seit Februar einer der wichtigsten Schutzräume der Stadt war. Aber sie hatte irgendwann kein Mobilnetz mehr. Am 3. März verlor ich die Verbindung. Ich wusste nicht, ob sie noch lebte oder schon tot ist. Ich wusste gar nichts. Am 15. März schaffte sie es aus der Stadt.

Einen Tag später wurde das Theater durch einen russischen Luftschlag zerstört. Rund 600 Menschen wurden getötet.

Es war knapp. Wir umarmten uns fest, als wir uns wiedersahen und weinten sehr lange.

Was war das Erste, was sie Ihnen erzählte?

Wie der Krieg schmeckt. Sie sagte: wie heißes Wasser. Es gab in der Zeit eigentlich nichts anderes: Am Morgen bekam sie ein Glas aufgekochtes Wasser mit ein paar Crackern. Am Mittag eine Tasse Suppe, gemacht aus dem, was sie finden konnten. Am Abend wieder heißes Wasser mit Crackern.

Mariupol war bis vor Kurzem eine blühende Hafenstadt. Jetzt steht der Ort wie kein anderer für den russischen Vernichtungskrieg gegen die Ukraine. Fragen Sie sich manchmal, wann Sie aus diesem Alptraum aufwachen?

Ich habe viel Zeit und Mühe in die Stadt investiert. Mariupol hat sich entwickelt, wir konnten sehen, wie es vorangeht. Dann wurde uns alles genommen. Unser Leben, unsere Träume. Es fühlt sich an, als wäre mir mein Herz und meine Seele herausgerissen worden.



Source link

Back to top button